Sparen mit Harvey

WirtschaftsWoche NR. 40 vom 01.10.2012 Seite 70

MOBILITÄT | Ein neues, funkgestütztes Fahrtraining soll Autofahrern Sprit sparen helfen. Hält die Technik, was der Hersteller verspricht?

Harvey ist ziemlich schweigsam in letzter Zeit. Seit Tagen hat er sich nicht mehr gerührt. Das ist ein gutes Zeichen. Sonst nämlich nervt der zigarettenschachtelgroße Mikrocomputer unterm Armaturenbrett allzu oft mit penetrantem Piepsen. Denn die Elektronik meldet sich, wenn ich zu viel Sprit verbrauche.

Genau das aber will das IT-Beratungsunternehmen CGI Logica Vielfahrern wie mir mithilfe der kleinen Box neben dem Handschuhfach abgewöhnen. Und weil der kompakte Besserwisser so etwas ist wie mein digitales schlechtes Gewissen, habe ich ihn nach dem Hit der Rodgau Monotones benannt: mein Freund Harvey.

Der elektronische Co-Pilot ist Teil eines Dienstes, mit dem Logica den Verbrauch in Unternehmensfuhrparks senken will. "Im Durchschnitt schaffen wir rund zehn Prozent Reduktion", sagt Norman Weiß. Er ist der Projektmanager des Spritspardienstes, den Logica unter der Bezeichnung Emission Monitoring (EMO) vermarktet. Je nach Zahl der installierten Systeme zahlen Unternehmen pro Fahrzeug im Monat 12 bis 18 Euro.

Ob sich das rechnet und die Technik hält, was Weiß verspricht, will ich ausprobieren. Schließlich lockt die Spritdiät in Zeiten, in denen der Preis für Supertreibstoff schmerzhaft an der 1,70-Euro-Marke kratzt, nicht nur Manager von Firmenfuhrparks. Angesichts der gut 40 Kilometer zwischen Wohn- und Arbeitsort hofft auch ein Berufspendler wie ich auf die Wirkung der elektronischen Verkehrserziehung.

Zunächst aber merke ich nichts, nachdem EMO-Manager Weiß im Februar das Analysemodul im Fußraum meines Renault montiert hat. Über den genormten On-Board-Diagnose-Stecker moderner Autos mit der Motorsteuerung verbunden, protokolliert das Logica-Modul mein Fahrverhalten. Der Mobilfunkchip in der Box überträgt Verbrauch, Beschleunigungs- und Bremsverhalten sowie Leerlaufzeiten des Motors ins Logica-Rechenzentrum.

Vier Wochen lang wertet die Software dort mein Fahrprofil aus. Dann beginnt die Umerziehung. Plötzlich meldet sich Harvey aus dem Fußraum. Trete ich allzu forsch aufs Gas, piepst die Kiste nervtötend wie mein Radiowecker. Fahre ich nicht vorausschauend genug und bremse vor Ampeln zu kräftig, wird Harvey ähnlich laut.

Der kritische Schwellenwert ist, wie mir Produktmanager Weiß verrät, ein knappes Viertel der sogenannten Erdbeschleunigung, die Physiker als "g" bezeichnen. Sobald der Wagen stärker beschleunigt oder bremst, übersteigen die Kosten durch den Spritverbrauch (oder die beim Bremsen unnötig vernichtete Bewegungsenergie) ökonomisch betrachtet den Gewinn, den ich durchs schnellere Fahren erzielte.

Anders gesagt: Selbst wenn mir ein forscherer Gasfuß ein paar zusätzliche Minuten im Büro bescherte, könnte ich in der gewonnenen Zeit für meinen Arbeitgeber gar nicht so viel Geld verdienen, wie ich auf der Straße zuvor an Sprit verbrannt habe.

SPIELERISCHER WETTSTREIT.

Letztendlich aber ist es egal, ob uns ökonomische Einsicht treibt oder bloß das Bestreben, Harvey zum Schweigen zu bringen: Es dauert keinen Monat, da haben meine Frau und ich nicht nur beim Fahren die magische Grenze verinnerlicht.  Parallel dazu entwickelt sich ein innerfamiliärer Wettstreit, wer von uns sparsamer fährt. Und weil auch lange Ampelpausen im Leerlauf den Ökoindex vermiesen, geht bei uns beiden der Griff heute sofort zum Zündschlüssel sobald der Wagen steht. Ab vier Sekunden Motorstopp lohnt sich das.

Die positive Folge: Harvey meldet sich kaum noch aus dem Fußraum. Und auch in der Smartphone-App, die mir Fahrverhalten und Verbrauch in Form von Diagrammen und Ampelsymbolen aufs Smartphone bringt, werden die unerwünschten Ausschläge von der Regel zur Ausnahme. Dafür wächst die Zahl der symbolisch "geretteten" Bäume, die uns in der App das beim Fahren eingesparte Klimagas CO2 symbolisieren.

Vor allem aber macht sich das Sparprogramm tatsächlich an der Zapfsäule bemerkbar: Vor Beginn des Tests pendelte der Spritverbauch knapp unter acht Liter Superbenzin auf 100 Kilometern. heute liegen wir - ohne nennenswert langsamer unterwegs zu sein - bei nur noch knapp über sieben Litern. Das entspricht nicht nur ziemlich genau der Prognose von Logica-Mann Weiß. Es gleicht auch die knapp 15 Prozent Preissteigerung aus, die der Sprit seit Testbeginn teurer geworden ist. -

Der elektronische Co-Pilot hilft gegen den Spritpreis-Schock. 

Kuhn, Thomas

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